Rebalancing - myofasziale Körperarbeit

Die Bedeutung des "Binde-Gewebes"

Im Volksmund verwendet man den Begriff Bindegewebe auf verschiedene Weise, und dieses wird oft als bedeutungslos angesehen. Tatsächlich wurden erst in den letzten Jahren wissenschaftliche Studien dazu durchgeführt. Doch bindegewebsartige Strukturen spielen im Organismus eine wichtige Rolle. Da der gesamte Körper von Bindegewebe netzwerkartig durchzogen ist, bieten sich viel mehr Anwendungsbereiche, als es zunächst den Anschein haben mag. Bindegewebe tritt in verschiedener Form auf, etwa als weiches Fettgewebe, zugfeste Sehnen, Muskelfaszien oder Organhüllen. Damit gibt es dem menschlichen Körper nicht nur seine individuelle Form, sondern übernimmt auch organisch eine Vielzahl wichtiger und lebensnotwendiger Aufgaben und Funktionen. So übermitteln sie als Muskelhüllen oder -faszien die Kraft der Muskelfasern über die Sehnen an Knochen und Gelenke. Allen Formen des Bindegewebes ist gemeinsam, dass sie aus einer mehr oder weniger zähflüssigen Grundsubstanz bestehen, in welcher verschiedenartige Fasern und Zellen eingelagert sind.

Viele Beschwerden, die aus dem Alltag bekannt oder oftmals als "Volkskrankheit" einfach hingenommen werden, können mit dem Zustand der Bindegewebsstrukturen zusammenhängen: Diffuse Verspannungen, Gelenkbeschwerden, Rückenprobleme, Kopfweh. Denn bleiben Verspannungen oder Schon- und Fehlhaltungen über längere Zeit bestehen, prägen sie sich im Bindegewebe ein und verändern so die Grundsubstanz. Als Folge davon kann diese ihre Aufgaben nicht mehr optimal erfüllen. Langfristig bestehende Symptome können so schliesslich zu Bewegungseinschränkung, Fehlhaltung, Fehlstellung im Bewegungsapparat und folglich beständigen oder immer wieder auftretenden Schmerzen führen. Daraus können wiederum frühzeitige Verschleisserscheinungen resultieren.

Zusätzlich belasten diese "Blockaden", also Verklebungen oder Verhärtungen im Bindegewebe, den gesamten Stoffwechsel, die Ernährung aller Gewebe und Organe wird beeinträchtigt und das Immunsystem geschwächt. Somit sind auch Problematiken im vasomotorischen Bereich möglich, wie Verdauungsprobleme, Schlaflosigkeit oder Atemprobleme. Es lohnt sich deshalb nicht nur aus kosmetischer Motivation, sich näher mit Bindegewebe zu befassen!

Rebalancing in der Praxis

Rebalancing umfasst verschiedene Techniken, wie etwa Muskelentspannung, Gelenklockerung, "un-winding" und Atemarbeit. Herzstück einer Rebalancing-Behandlung jedoch ist die Arbeit am Fasziensystem. Durch gezielte, einfühlsame manuelle Behandlung werden Verklebungen und Verkürzungen im Bindegewebe gelöst. Durch freieres Gleiten des Bindegewebes können komprimierte Gelenke entlastet und einschränkende Haltungs- und Bewegungsmuster aufgelöst oder positiv verändert werden. Diese Arbeit am Fasziensystem hat positive Auswirkungen auf den gesamten Organismus: Mit der verbesserten Gleitfähigkeit des Bindegewebes verbessert sich gleichzeitig die ganze Stoffwechselsituation. Die Gewebe werden besser ernährt und Giftstoffe vermehrt abtransportiert. Das Immunsystem wird angeregt, Kreislauf und Atmung werden harmonisiert. Während einer Rebalancing-Sitzung achtet der Therapeut auch auf mögliche vegetativen, energetischen und emotionalen Reaktionen. Professionelle Rebalancer sind geschult, diese wahrzunehmen und angemessen darauf einzugehen.

Rebalancing wird in Einzelbehandlung ausgeführt. Ein klassischer Behandlungszyklus umfasst etwa 10 aufeinander aufbauende Sitzungen von 60-90 Minuten Dauer. In einer ausführlichen Erstanamnese verschafft sich der Therapeut einen Überblick über die Problematik des Patienten und die möglichen Ursachen seiner Beschwerden, wie Fehlhaltungen, Verkürzungen, Verspannungen oder Disharmonien in der Beziehung der einzelnen Körpersegmente zueinander. Rebalancing betrachtet immer den ganzen Menschen und arbeitet in der Regel nicht direkt auf ein einzelnes Symptom bezogen. Dennoch kann langjährigen Beschwerden wie Rückenschmerzen durch das Einbeziehen der gesamten Körperstruktur die Grundlage entzogen werden, so dass sich die Symptomatik in Folge auflöst.

Nebst vielschichtiger Wirkung im Körper wirkt sich eine Rebalancing-Sitzung auch befreiend auf das geistig-seelische Befinden aus. Nicht zuletzt hat auch die achtsame Berührung des Rebalancers bereits eine heilende Wirkung.

Rebalancing ersetzt keine medizinische Behandlung. Doch oft kann Rebalancing weiterhelfen, wo die klassische Medizin keine Wege mehr hat.

Ganzheitlicher Ansatz

Das Bestehen von Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche gilt heute als unbestritten. Stress, Ängste, langfristige psychische und emotionale Belastungen können sich im Körper niederschlagen und vielfache Symptome auslösen. Neben Beeinträchtigungen des Verdauungsapparates oder des Herz-Kreislauf-Systems kann auch der Bewegungsapparat in Mitleidenschaft gezogen werden. Ohne sich dessen bewusst zu sein, spannen wir unter Druck die Schultern an, verfolgen allzu "hartnäckig" ein Ziel, lassen uns von Stress oder Angst den Atem verschlagen, sacken in uns zusammen oder lassen uns den Schlaf rauben. Auf diese Weise fliessen psychische Stresszustände wie von selbst in die Körperstrukturen ein, und diese verfestigen sich mit der Zeit. Auch die umgekehrte Situation ist bekannt: Unfälle, Verletzungen, Einschränkungen oder chronische Schmerzen können unser Wohlbefinden, Lebensgefühl und damit unser Leben überhaupt ganz massgeblich beeinträchtigen. Da Körper und Psyche untrennbar miteinander verwoben sind, bewirkt eine Veränderung auf der einen Ebene stets auch eine Reaktion auf der anderen. Dies gilt im negativen wie auch im positiven Sinne.

In einem ganzheitlich orientierten Menschenbild wird Gesundheit als harmonischer Gleichgewichtszustand von Körper, Geist und Seele verstanden. Aus dieser Perspektive gibt es sowohl in östlichen als auch westlichen Heil- und Medizin-Traditionen eine Vielzahl von Ansätzen, Theorien und Therapiemethoden. So unterschiedlich diese zum Teil auch sein mögen, so haben sie doch alle das eine Ziel, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Das Wiederherstellen dieser von Mensch zu Mensch individuellen Balance steht auch beim Rebalancing im Zentrum allen therapeutischen Wirkens: den Menschen zu unterstützen, "wieder ins Gleichgewicht zu kommen".

Status quo – Rebalancing heute

Rebalancing entstand in den Siebziger Jahren aus verschiedenen körpertherapeutischen Methoden des Westens und der östlichen inneren Haltung des Geschehenlassens. Nach den bewegten Anfangsjahren, in der viel recherchiert, erforscht und auch intuitiv erschlossen wurde, hat sich Rebalancing heute zu einer etablierten und erfolgreichen Methode mit fundierter Grundlage in Anatomie, Physiologie und Pathologie entwickelt. Weltweit bieten verschiedene Träger und Institute Rebalancing-Ausbildungen an. Um die Qualität der Arbeit und der Methode zu sichern, wurde in der Schweiz der RVS Rebalancer Verband Schweiz gegründet. Auf www.rvs-rebalancing.ch kann ein qualifizierter Rebalancer in der Nähe gefunden werden. In der Schweiz bildet das Rebalancing Institut Schweiz in einem mehrjähriges Ausbildungsprogramm Therapeuten aus. Es bietet zudem ein breites Forum für aufbauende Weiterbildung und Erfahrungsaustausch.

Maitri Wermund

Juni 2007